Tara
New Delhi, Indien

- Hintergrund/Geschichte
- Lac Craft / Seelampur
- Zum Produkt
- Khewal Mahila Shilp Samooh

Hintergrund/Geschichte
Die Stiftung Tara ist eine der ersten Organisationen, die sich in Indien für faire Produktions- und Vermarktungsbedingungen zur Förderung besonders benachteiligter Bevölkerungsgruppen wie der Dalits (der so genannten "Unberührbaren") einsetzte. Ihr Ziel kommt auch in ihrem Namen zum Ausdruck: Tara ist eine tibetanische Göttin, welche die Menschheit aus irdischer Finsternis und Befangenheit ins Licht führt und befreit; mittlerweile handelt es sich auch um das Kürzel für "Trade Alternative Reform Action Projects", da Tara nicht nur benachteiligte Produzentinnen unterstützt, sondern einen Beitrag zu sozialen Reformen leistet. Tara's Projekte zur Bekämpfung der Kinderarbeit und des Kastensystems sowie zur Frauenförderung sind in diesem Rahmen wegweisend. Bereits anfangs der 70er Jahre knüpfte Tara Kontakte mit
europäischen Fair-Handelsorganisationen, darunter OS3, der Vorgängerin von claro. Heute gehört Tara – nicht nur, aber auch aufgrund der breiten Produktpalette und der hervorragenden Produktqualität – zu den wichtigsten Partnern der meisten EFTA-Mitglieder. Als Gründungsmitglied der IFAT (International Fair Trade Association) sowie des indischen Fair Trade-Forums ist Tara national und international vernetzt und beteiligt sich an Kampagnen, die weltweit zur Förderung des Fairen Handels und zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft beitragen sollen. So war Tara während des Sozialen Weltgipfels in Mumbai (Januar 2004) äusserst aktiv und lancierte den so genannten „Global March”, eine Karavane, die seit Anfang 2004 durch Asien pilgert und auf ihren Stationen Presse und Bevölkerung auf die Anliegen des Fairen Handels aufmerksam macht...

Im claro-aktuell September 2001 erschien ein Produzentlnnenbeschrieb zu Tara, der insgesamt nach wie vor seine Gültigkeit hat. Doch auch wenn die Fairness der Organisation ausser Zweifel stand, so fielen die Informationen zu den einzelnen Mitgliedergruppen und zu den Auswirkungen des Fairen Handels auf die Produzentlnnen recht spärlich aus. Seither hat Tara in diesem Bereich grosse Anstrengungen unternommen. Zum einen erfüllte die Organisation die Pflichtübung hervorragend, die IFAT seit 2002 ihren Mitgliedern auferlegt, bzw. unterzog sich, im Dialog mit den Mitgliedergruppen, einer aufwändigen, ins Detail gehenden „Selbstbewertung” (Self Assessment). Zum andern ist sie dabei. Informationen zu den Mitgliedern bzw. deren Handwerkskunst systematisch zu erfassen, Interviews und so genannte „producer stories” auf Englisch zu übersetzen sowie ein Bilderarchiv mit digitalen Fotos anzulegen.

So hat uns Tara kürzlich Informationen zu einzelnen Gruppen, die im diesjährigen claro-Angebot vertreten sind. zugestellt. Aus Platzgründen können freilich nicht alle Gruppen beschrieben werden. Die Wahl fiel – im Vorfeld von Weihnachten – auf die Produzentlnnen der Naturharz-Christbaumkugeln. der _Zari'-Weihnachtsdekorationen sowie auf eine Frauengruppe, die auf das Aufreihen von Glasperlen spezialisiert ist und für claro kunstvollen Modeschmuck herstellt.


Lac Craft / Seelampur

Für die Herstellung der Naturharz-Christbaumkugeln, die mit Pailletten, Spiegel- und Glasteilchen dekoriert sind sorgt eine Gruppe namens Lac Craft („Harz-Handwerk"), die in Seelampur, einem Aussenquartier von Delhi, tätig ist. Die 65 Mitglieder gehören alle einer grossen, 11 Familien zählenden Sippe an, die aus Rajasthan im Westen des Landes stammt. Nach der Abspaltung von Pakistan und Bangladesh war die islamische Bevölkerung Rajasthans Verfolgungen und Ermordungen durch Hindus ausgesetzt.
Unzählige Menschen ergriffen die Flucht; die meisten liessen sich in der Gegend von Delhi nieder und versuchen seither – mangels anderer Verdienstmöglichkeiten – ihren Lebens-unterhalt durch den Verkauf traditioneller Handwerksartikel zu bestreiten. Dazu gehören insbesondere die typischen, feinst bestickten und mit kleinen Spiegeln geschmückten Textilien sowie kunstvolle Armreife – die traditionell als Glücksbringer bei der Heirat gelten – und andere Gegenstände aus Naturharz.
Doch in der Regel hatten die Handwerkerinnen praktisch keine andere Möglichkeit ihre Ware abzusetzen. als diese den Zwischenhändlern zu einem Schleuderpreis zu überlassen. Vor wenigen Jahren kam Almuddin, ein besonders begabter Handwerker, der nicht nur im Familienkreis als eigentlicher Meister galt und zahlreiche Jugendlichen in seiner Kunst unterwies, mit Tara in Kontakt. Seither kann Lac Craft mit regelmässigen, vorfinanzierten Bestellungen und korrekten Preisen rechnen. Ferner hilft Tara auch bei der Entwicklung neuer Designs und Produkte wie z. B. der Christbaumkugeln. die eine besonders gelungene Verschmelzung traditioneller Elemente aus Rajasthan mit europäischem Brauchtum darstellen. Doch hat Tara nicht nur im Produktionsbereich Neues eingeleitet. sondern auch entschieden zu einem Gesinnungswandel beigetragen. In der Tat hat die Emigration hier wie anderswo keine sozialen Veränderungen ausgelöst, sondern eher dazu beigetragen, dass die Zuzügler aus Rajasthan ihren alten Gepflogenheiten noch stärker als in der Heimat verpflichtet sind. So besuchten bisher nur die wenigsten Kinder die Schule, und wenn überhaupt, so nur die Knaben. Die meisten Minderjährigen mussten von klein auf ausserhalb der Familie einer Arbeit nachgehen. Tara hat die Gruppe daher sogleich in die Kampagne gegen Kinderarbeit einbezogen. Heute sind sich die Mitglieder von Lac Craft bewusst, dass Schulbesuch und Weiterbildung kein unerschwinglicher Luxus sind, sondern solide Grundlagen für die Entwicklung der einzelnen Familienangehörigen sowie der Sippe schaffen. Dank dem Interesse. das Tara – bzw. der Faire Handel in Europa – ihrer Handwerkstradition entgegenbringt. haben sie auch erkannt, wie wichtig es- ist. ihre angestammte Kultur und Kunsttradition nicht nur als Verdienstquelle auszuwerten, sondern auch durch die Rückbesinnung auf ihre Wurzeln und ihre Identität aufzuwerten.


Zum Produkt

Die Christbaumkugeln aus rezykliertem Plastik sind auf dem Lokalmarkt erhältlich. Als erstes werden sie bei Lac Craft mit einer Paste aus Naturharz, dem so genannten Schellack, bestrichen. Schellack wird von einer weiblichen Schildlaus aus eigenen Abscheidungen und Baum-harz hergestellt und u.a. als Lockmittel vor der Begattung benutzt.
Da die Paste nur im Frischzustand klebrig ist, muss zügig gearbeitet werden. Gleichzeitig braucht es viel Fingerspitzengefühl und Geduld, um die Verzierungen aus rezyklierten Glas- und Spiegelresten mit einer Pinzette in den Harz einzulegen. Jede Kugel ist ein Einzel-stück!


Taza-1, Agra
Zari (zu deutsch „Goldfaden”) ist eine äusserst aufwändige Stickkunst, die zur Zeit des Moghul-Reichs in Nordindien aufblühte und noch heute hauptsächlich in der Gegend von Agra, durchwegs von muslimischen Handwerkerinnen, gepflegt wird. Ursprünglich wurden Gold- und Silberfäden verwendet, um in unglaublich feiner Handarbeit kostbare Samtstoffe und Saris zu verzieren
. Im 19. Jahrhundert gelangten im Kielwasser von Handelsreisen nach Sansibar und Ostafrika venezianische Glasperlen, die damals in ganz Afrika zu den beliebtesten Tausch-waren gehörten, in die heutigen Bundesstaate Rajasthan und Gujarat.
Schnell verbreitete sich dort die Mode. Zari und andere Stickereien mit Glasperlen, Pailletten und kleinen Spiegeln zusätzlich zu bereichern. Im Lauf der Jahre entstand eine für Gujarat und Rajasthan typische Textilkunst, für die die Zari-Meister in Agra weit herum bekannt sind. Traditionell stellen die Frauen vor allem ihre eigene, kunstvolle Kleidung her. während die Männer mit der Produktion und Vermarktung von Textilien den Lebensunter-halt der Familie zu bestreiten versuchen. Wie in den meisten indischen Handwerkszweigen ist auch hier Kinderarbeit verbreitet.

Alimuddin, der Gründer und Leiter der Zari-Gruppe Taza-1, aus der die Zari-Dekorationen im claro-Weihnachtsangebot 2004 (Katalog Herbst 2004, S. 156/57) stammen, musste sich bereits mit 13 Jahren in einer Zari-Werkstatt verdingen, was ihm zwar dazu verhalf, ein anerkannter Meister zu werden, ihn jedoch jahrelang in einer sklavenähnlichen Abhängigkeit gefangen hielt. Ende der 80er Jahre versuchte er, dem Schuldenzirkel zu entrinnen und kehrte des-halb von Mumbai, wo er für einen Zwischenhändler arbeitete, in seine Heimatstadt Agra zurück; doch erst 1990 gelang es ihm, dank der Begegnung mit einem Tara-Mitarbeiter und einer Erstbestellung für den Fairen Handel. seine Ware eigenständig und zu einem korrekten Preis zu vermarkten. Wenig später konnte er, dank der Unterstützung durch Tara, den Kleinbetrieb Taza-1 einrichten und ein paar Handwerkerinnen einstellen. Tara fördert seither auch diese Gruppe nicht nur im Produktionsbereich: Den Mitgliedern sind verschiedene Ausbildungsangebote zugänglich und der Schulbesuch der Kinder wird durch mehrere Massnahmen gefördert.

Heute zählt Taza-1 rund 30 Angestellte, mehrheitlich junge Frauen, die dank ihrem Lohn nicht nur für ihren Lebensunterhalt, sondern auch für das Schulgeld der Kinder sorgen können. Der Gruppenleiter Alimuddin ist kürzlich an Krebs gestorben; vor seinem Tod hat er zwei seiner Söhne, die ihre Schulausbildung ab-geschlossen haben, in die Gruppen- und Geschäftsleitung eingeweiht - die Zari-Kunst haben sie schon als Kind beim Vater erlernt!


Khewal Mahila Shilp Samooh
Die Einwohnerinnen von Khewai, einem kleinen Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh, sind seit eh und je strenggläubige Muslime. Frauen dürfen das Haus - ausser zur Verrichtung von Feldarbeiten - kaum verlassen, selbst der Besuch der Primarschule ist ihnen in der Regel untersagt. So haben die meisten weder Lesen noch Schreiben oder gar einen Beruf erlernt. Viele Frauen tragen allerdings zum Familieneinkommen bei, in-dem sie in Heimarbeit traditionelle und modische Schmuckstücke aus Glasperlen herstellen; doch oft bezahlt der Händler, der die Aufträge erteilt und die Ware abholt, nicht einmal den verabredeten, ohnehin zu tiefen Preis.Bei einem Besuch einer Mitarbeiterin von Tara, die verschiedene Dorfentwicklungsprojekte betreut, äusserten einige Frauen von Khewai den Wunsch, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Tara willigte ein, ihnen dabei zu helfen und unterstützte im Jahr 2000 als erstes den Aufbau einer Gruppe, die den Namen Khewai Mahila Shilp Samooh (etwa: Frauen-Handwerkerinnen-Gemeinschaft von


Mausmin, die Gruppenleiterin
Khewai) erhielt, seit kurzem von Tara als vollberechtigtes Mitglied anerkannt und mit der Bezeichnung Taja-10 gekennzeichnet ist. Die Gruppe zählt gegenwärtig 19 Mitglieder, 17 Handwerke-rinnen - mehrheitlich junge, unverheiratete Frauen - sowie zwei Männer, die für den Einkauf der Rohmaterialien und die Lieferung der Fertigprodukte an Tara sorgen, was den Frauen zur Zeit verwehrt bleibt. Hingegen ist es Tara gelungen, einen Alphabetisierungskurs zu organisieren, der seit zwei Jahren jeden Abend stattfindet. Für die Kosten des Unterrichts und der Schulmaterialien kommt Tara auf. Alle Frauen besuchen den Kurs, mehrere sind heute sogar schon fähig, selbstständig für ihre Buchhaltung zu sorgen. Seit sie von Tara Aufträge erhalten, hat sich zum einen ihr Einkommen entschieden verbessert. zum andern sind sie nicht mehr auf sich allein gestellt, sondern arbeiten gemeinschaftlich. So findet die Produktion in einer gemeinsamen Werkstatt. im Haus der Gruppenleiterin Mausmin. statt. Ein kürzlich gemeinsam eröffnetes Bankkonto erlaubt ihnen. Geld für die Mitgift zu sparen und damit eigenständig zur Hochzeit beizutragen anstatt den Eltern zur Last zu fallen! Ein weiterer Grund zur Freude war die Teilnahme an der Lancierung des "Global March" im Frühling 2004; bei dieser Gelegenheit lernten die Handwerkerinnen nicht nur andere Tara-Gruppen kennen, sondern unternahmen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Reise!

Weitere Informationen zu Tara finden Sie auf http://www. taraprojects.com
Dezember 2004/ep

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