MINKA
LIMA, PERU
OKARINAS, TROMMELN UND SPIELZEUG
- Ziele/Leistungen
- Die ProduzentInnen
- Krippen und Krippenfiguren
- Ocarina-Flöten
- Wahrzeichen einer Jahrtausend alten Kultur
- Der faire Preis

"Bereits in der vorkolonialen Zeit entstanden in Peru herausragende Produkte handwerklichen Schaffens. Während der Kolonialzeit wurde das traditionelle Handwerk durch den Einfluß der katholischen Kirche, die Bedürfnisse der spanischstämmigen Bevölkerung und die neuen Techniken und Designs stark beeinflußt. Zur gleichen Zeit blieben aber die traditionellen Formen und Muster erhalten, die in den 50er Jahren als gut verkäufliche Handelsware wieder entdeckt wurden. Die Akzeptanz dieser Produkte auf dem internationalen Markt führte dazu, daß sich starke Zwischenhändler etablieren konnten, die durch die Ausbeutung der Handwerker große Profite erzielten."
Aus: Peruanisches Handwerk - Projektbericht von Minka

„Minka", auch „Minna" geschrieben, ist ein Wort aus der Quechua-Sprache, die von vielen indigenen Völkern im Andenraum (Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Peru) gesprochen wird; es bezeichnet das komplexe Geflecht von Rechten und Pflichten, das den sozialen Zusammenhalt eines Stammes oder eines einzelnen Dorfes gewährleistet. In der Regel lautet die deutsche Übersetzung „Gemeinschaft" oder auch „Gemeinschaftsarbeit", doch ist damit nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung wiedergegeben. In der Tat gehört das Land traditionell dem Stamm oder der Dorfgemeinschaft. Je nach Bedarf erhalten die Familien ein bestimmtes Stück zugeteilt. Dessen Bewirtschaftung erfolgt gemeinschaftlich, wobei die Arbeit reihum verrichtet wird. Die Ernte fällt der jeweiligen Familie zu, doch ist diese verpflichtet, einen Teil der Ernte oder des Erlöses, den diese eingebracht hat, abzugeben, falls sich jemand in Not befindet. Gemeinsame Arbeit, gegenseitige Hilfe und Gemeinschaftsbesitz - zumindest im Produktionsbereich - sind auch die Schlüsselbegriffe der nicht gewinnorientierten Organisation Minka, die 1976 im Süden des Landes mit dem Ziel gegründet wurde, handgesponnene und handgestrickte Wollartikel aus der Umgebung von Juliaca und Puno direkt und fair zu vermarkten.
Heute sorgt Minka für den Vertrieb von Handwerk aller Art aus 54 übers ganze Land verstreuten Gruppen. Die Gruppen arbeiten eigenständig und wählen ihre Absatzkanäle frei, doch müssen sie demokratische Strukturen aufweisen und ihre Leiterinnen alle zwei Jahre neu ernennen. Dies erlaubt ihnen, Vertreterinnen an die jährlich einberufene Generalversammlung von Minka zu entsenden, wo Erfahrungen ausgetauscht, Strategien erörtert und Entscheidungen - u.a. über die Verwendung der Gewinne - getroffen werden.
Sitz und Verwaltung der Organisation wurden vor geraumer Zeit aus dem unzugänglicheren Juliaca nach Lima verlegt; mit der Geschäftsleitung, der Koordination der vielartigen Aufgaben und deren Ausführung sind überwiegend Frauen betraut.
Minka hat aktiv zur Gründung von IFAT, der Internationalen Vereinigung von FairHandelsorganisationen, beigetragen und tritt nicht nur auf nationaler und lateinamerikanischer Ebene für Fairen Handel und solidarische Vernetzung ein.


Ziele/Leistungen
Fast 50% der peruanischen Bevölkerung lebt unter der Armutsschwelle; auf dem Land ist die Not besonders gross, so dass viele Menschen in die Städte abwandern. Unzählige Familien versuchen, mit der Herstellung von Handwerk etwas Geld zu verdienen, doch sind sie für die Beschaffung des Rohmaterials und die Vermarktung des Endproduktes in der Regel auf Zwischenhändler angewiesen, die ihre Machtposition ausnutzen und die Produzentinnen in einen Schuldenzirkel einschliessen. Auch Gruppen gelingt es kaum, diesen Zirkel eigenständig zu durchbrechen.
Zu Minka's Hauptzielen gehört deshalb die Schaffung regelmässiger, würdiger Verdienstquellen für Kleinproduzentlnnen in Stadt und Land, bzw. für deren Gruppen. Wichtige Massnahmen sind die Ausschaltung des Zwischenhandels, bzw. die Direktvermarktung an FairHandelsorganisationen in Europa und die Bezahlung korrekter Preise, welche die Produktionskosten decken und einen zumindest bescheidenen Gewinn ermöglichen. Minka befähigt die Gruppen u.a., Kostenanalysen und Preiskalkulationen durchzuführen, vermittelt günstige Kredite und bemüht sich um Absatzkanäle.
Darüber hinaus geht es der Organisation um die Wahrung, manchmal auch Neubelebung des traditionellen Gemeinschaftssinnes, um die Stärkung der Gruppen und ihrer Gemeinden sowie um die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung, die den einzelnen Familien und dem Kollektiv zugute kommen soll. So legt Minka grossen Wert auf Alphabetisierung, Schulung und Weiterbildung sowie auf Bewusstseinsbildung, pocht auf Selbst- und Mitbestimmung auf allen Ebenen und in allen Bereichen und setzt sich für die Anerkennung und Aufwertung der indigenen Kulturen sowie für die Förderung der Jugendlichen und der Frauen ein. Für den Ankauf der Ware bildet der gesetzlich festgelegte Mindestlohn die untere Grenze. Allfällige Gewinne dienen der Finanzierung von Projekten, die von den Gruppen vorgelegt werden. Nach Abschluss eines Projektes muss die Gruppe einen Rechenschaftsbericht erstatten, der an der Jahresversammlung von den Vertreterinnen aller Gruppen gemeinsam bewertet wird.


Die ProduzentInnen
Minka's Einzugsgebiet erstreckt sich mittlerweile auf 12 Landesgegenden, mehrheitlich im Anden- und Amazonasgebiet, sowie auf einige Armenviertel von Lima. Insgesamt betreut die Organisation 54 Gruppen; über 80% der Produzentinnen sind Frauen. Für die meisten Familien stellt der Verkauf von Handwerksartikeln an Minka die einzige nennenswerte Verdienstmöglichkeit dar. So wird die Zahl der Nutzniesserinnen auf rund 5000 Menschen geschätzt.
Die Artikel, die claro zur Zeit anbietet, stammen je nach Produktlinie aus unterschiedlichen Gegenden, bzw. von verschiedenen Gruppen; die Spezialisierung der handwerklichen Traditionen geht auf die Inkas zurück und hat sich über die Kolonialzeit hinaus bis heute erhalten. Die Produzentinnen sind fast ausschliesslich indigener Abstammung und kennen meist nur ihre eigene Sprache. In der Regel haben sie ihr Handwerk von Kind auf zu Hause erlernt und erzeugen ihre Produkte mit einfachsten Hilfsmitteln sowie geringem Kapitaleinsatz. Die Rohmaterialien sind fast ausschliesslich lokal vorhanden und werden vielfach mit selbst hergestellten Geräten verarbeitet. Allen Minka-Produzentinnen gemeinsam ist das grosse Engagement für die eigene Dorfgemeinschaft und der Wille, möglichst selbständig für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu sorgen.


Krippen und Krippenfiguren
Mit der Eroberung des Andenraums durch die spanischen „Conquistadores" wurde das traditionelle Handwerk durch den Einfluss der katholischen Kirche, die Bedürfnisse der spanischstämmigen Bevölkerung und durch neue Techniken und Designs aus Europa stark beeinflusst. So wurde die Gegend von Ayacucho zum Zentrum der Herstellung von kleinen, trag- und klappbaren Altären und Heiligenschreinen („retablos") aus Holz, deren Bemalung auf originelle Weise religiöse Themen und Motive mit Elementen aus dem Alltagsleben verquickt.
Im Lauf der Zeit hat diese volkstümliche Bilderkunst die einheimischen Töpferinnen zur Entwicklung von Krippen und Krippenfiguren inspiriert, deren Figuren aus der Bibel stammen, doch meistens die Kleider und Kopfbedeckungen der Indigenas tragen. Die Krippe „Establo II" (code 687.002) sowie die Krippenfiguren „Indio 1" und „Indio II" (687.003 und 004) sind typische Beispiele dafür! Die Produzentinnen gehören drei verschiedenen Gruppen an: Die Krippenfiguren „Indio II" stammen aus der „Asociación de Artesanos de Arte Popular", die seit 1994 vier Werkstätten betreibt und heute 30 Handwerkerinnen - überwiegend Jugendliche - beschäftigt. Im Familienbetrieb „Artesanias Pacha" sorgen sechs Männer und vier Frauen für die Krippe „Establo II". Die Krippenfiguren „Indio 1" sind ein Werk der „Asociacion de Artesanos La Nueva Esperanza"; die Gruppe entstand 1991, vereint drei Kleinbetriebe und verschafft acht Familien ein Auskommen.


Ocarina-Flöten"

Die Gemeinde Cuyo Grande, zu der auch das Dorf Cuyo Chico („das kleine Cuyo") gehört, liegt im Hochland von Cuzco, genauer gesagt im Pisac-Gebiet, auf über 3800 M.ü.M.. Die Bevölkerung besteht aus Kleinbauernfamilien, die ihren Lebensunterhalt auf den kargen Böden nur knapp bestreiten können. Seit jeher ist die Gemeinde für ihre Webkunst, insbesondere für ihre aussergewöhnlich raffinierten Ponchos, bekannt. Doch ist die Herstellung auf dem Hüft-Webstuhl so arbeits- und zeitintensiv, dass sie sich nicht auszahlt. Deshalb wurde nach anderen Verdienstmöglichkeiten gesucht. Seit einige Familien das Töpfern erlernt, alte Traditionen und Fertigkeiten neu belebt, eigenhändig Geräte, Töpferscheiben und Brennöfen erstellt haben und sich zu Gruppen zusammengeschlossen haben, konnte der Abwanderung Einhalt geboten werden.
Minka betreut die zwei Handwerkergruppen „Asociación Virgen de las Mercedes" und „Pukara Pantilliclla" aus Cuyo Grande sowie das „Comité Artesanal de Cuyo Chico". Nebst Töpferwaren aller Art stellen die Produzentinnen so genannte „Ocarina-Flöten" her (s. Kasten). Für die Herstellung der „Ocarina-Flöte Delfin" (code 687.010) ist die „Asociación Virgen de las Mercedes" verantwortlich; diese Gruppe vereint acht Werkstätten mit insgesamt 40 Handwerkerinnen, darunter 16 Frauen.
Das Modell namens „lndigeno" (code 687.011) stammt aus der Gruppe „Cuyo Chico"; die Handwerkerlnnen - acht junge Ehepaare - haben sich auf die Herstellung von Schmuck und verschiedenen Gegenständen aus Ton spezialisiert, wobei sie für deren kunstvolle Dekoration präkolumbianische Motive, insbesondere die geometrischen Zeichnungen der so genannten Tiahuanaco-Kultur, verwenden.


„Ocarina-Flöten" aus Peru - Wahrzeichen einer Jahrtausend alten Kultur!

Kleine Eintonpfeifen und Gefässflöten aus Ton gibt es in fast allen Hochkulturen der Welt. Bei den indigenen Völkern Lateinamerikas wurden solche Gefässflöten seit Menschengedenken bei Zeremonien und rituellen Anlässen gespielt; bis heute sind sie in vielen Gegenden des Andenraums fester Bestandteil der Volksmusik. Gewöhnlich handelt es sich dabei um flache, ovale Instrumente in Form von Vögeln oder anderen Tieren, deren Namen aus einer einheimischen Sprache stammen. So heisst die kleine Gefässflöte im Norden von Chile „Tupu-Uru", in der Gegend von Cuzco auf Quechua „Churchu", auf Aymara „Pusana".
Heute hat sich der Sammelbegriff „Ocarina" eingebürgert, unabhängig von der Herkunft und der Form des jeweiligen Instrumentes. Doch eigentlich ist dieses Wort auf ein ganz bestimmtes Blasinstrument gemünzt, das 1850 in Italien erfunden wurde und in seiner Form an eine kleine Gans (italienisch „ocarina") erinnert. Die Ocarina erzielte sofort einen Riesenerfolg im In- und Ausland. So gelangte sie auch, in der Hosentasche vieler italienischer Emigranten, auf den „Neuen Kontinent", wo sie ihre indigenen Kusinen schnell nicht nur im musikalischen Bereich ins Abseits drängte: selbst im Fairen Handel werden diese nunmehr als „Ocarina-Flöten" bezeichnet! Einmal mehr sind im Kielwasser kolonialistischer Vorherrschaft die Spuren einer jahrtausendealten Kultur - zumindest im Sprachgebrauch - verschwunden...


Der faire Preis
Die ProduzentInnengruppen kalkulieren mit der Unterstützung von Minka die Preise für ihre Produkte selbst. Ausgangsbasis bildet dabei der Mindestlohn für die HandwerkerInnen, die reellen Kosten für das Rohmaterial und eine Marge für die ProduzentInnengruppe. Ist das Produkt aus Preisgründen unverkäuflich, wird gemeinsam mit Minka überlegt, wie die Kosten der Produktion gesenkt werden können, ohne daß damit Einkommenseinbußen für die ProduzentInnen verbunden sind.

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