Manushi
Kathmandu, Nepal

- Geschichte/ Struktur der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- Hintergrund: Kastenwesen und Frauendiskriminierung in Nepal


Geschichte/ Struktur der Organisation
Frauen sind in Nepal nach wie vor sozial, wirtschaftlich und politisch benachteiligt (s. Kasten). Zahlreiche Selbsthilfegruppen sowie Frauen aus oberen Gesellschaftskreisen kämpfen seit Jahren gegen diese Diskriminierung und treten auf allen Ebenen für Frauenförderung ein. Zu den hartnäckigsten Verfechterinnen einer fortschrittlichen „Gender"-Politik gehören die Leiterinnen der zwei einheimischen Fair Trade-Partner Association for Craft Producers (ACP, claro-Code 281) und Manushi.
Die ersten Schritte zur Gründung von Manushi („energiegeladene Frau") gehen auf die 1980er Jahre zurück; damals verspürte die Universitätsdozentin Padmasama Shakya das Bedürfnis, nicht nur im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit die Situation der nepalesischen Frauen zu analysieren, sondern durch die Unterstützung von benachteiligten Handwerkerinnen einen konkreten Beitrag zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu leisten. So begann sie, verschiedene Gruppen zu betreuen und deren Produktion zu korrekten Bedingungen zu vermarkten. 1991 gelang es ihr, in Zusammenarbeit mit einer Gruppe von gleichgesinnten Frauen sowie der finanziellen Unterstützung durch internationale Entwicklungsdienste (darunter Swisscontact), Manushi als nicht gewinnorientierte Gesellschaft offiziell zu registrieren. Am Organisationssitz in einem Aussenquartier von Kathmandu sorgen mittlerweile 15 Personen, mehrheitlich Frauen, für die Ausführung der laufenden Geschäfte und die Koordination der diversen Aktivitäten; dabei können sie auf einige freiwillige Mitarbeiterinnen zählen. Im hauseigenen Atelier stellen etwa 25 Frauen Textilien her, 15 übers ganze Land verstreute Gruppen beschäftigen über 300 Handwerkerinnen, mehrheitlich Frauen. Der Verwaltungsrat wird alle vier Jahre ernannt; die Produzentinnen nehmen an der Wahl teil und stellen zwei der sieben Mitglieder. Manushi hat aktiv zur Gründung des einheimischen Netzwerkes Fair Trade Group Nepal beigetragen und ist seit kurzem Mitglied bei der IFAT.


Ziele/Leistungen

Hauptziel ist die Befähigung zur Analyse der eigenen Situation und zum selbständigen Handeln; die Förderung von traditionellem Handwerk und dessen Vermarktung an Fair-Handelsorganisationen sollen die dafür nötigen Grundlagen schaffen und sichern. Gleichzeitig geht es Manushi darum, die Frauen in verschiedenen - nicht nur produktionstechnischen - Bereichen auszubilden. Ebenso wird die Bereitstellung von Kleinkrediten mit Bildungsmassnahmen verknüpft. Ein wichtiges Anliegen gilt neuerdings einer Reihe von Entwicklungsprogrammen, die Manushi in mehreren Dorfgemeinschaften durchführt. Viele dieser Massnahmen trifft Manushi in Absprache mit anderen, gleichgesinnten Organisationen. Ohne eine solche Vernetzung auf lokaler und nationaler Ebene würden Bewusstseinsbildung und Frauenförderung, wie sie Manushi realisieren will, wohl kaum zum Tragen kommen. Im Produktionsbereich bietet Manushi den Handwerkerinnen Vorfinanzierungen, die den Kauf von Rohmaterialien und Zubehör ermöglichen, und bezahlt höhere Preise als üblich, da die Produkte fast ausschliesslich an Fair-Handelsorganisationen verkauft werden.


Produzentinnen
Manushi legt Wert auf die Erhaltung und Weiterentwicklung des traditionellen einheimischen Handwerks und dessen ausserordentlicher Vielfalt. Nepal ist ein Vielvölkerstaat, mit über 60 nepalesischen und indischen Volksgruppen. Je nach ihrer geographischen und ethnischen Herkunft verwenden die Produzentinnen unterschiedliche Rohmaterialien und sind auf ganz bestimmte Produkte oder „Designs" spezialisiert. So stammt die „Mithila"-Schachtel, die claro gegenwärtig anbietet (Code 286.001), aus Janakpur, dem Zentrum des so genannten Mithila-Gebietes, das sich über das südliche Tiefland Nepals und den nördlichen Teil des indischen Bundesstaates Bihar zieht. „Mithila" heisst auch die typische Malkunst, mit der die einheimischen Frauen traditionell ihre Lehmhäuser sowie wertvolle Papiere schmücken. Heute dient diese Kunst zur Verzierung verschiedenster Gegenstände, die bei Touristen und auf dem Exportmarkt grossen Anklang finden.
Bei Manushi kom Für die Handwerkerinnen ist diese Produktion gewöhnlich die einzige Verdienstquelle! Allerdings läuft die Vermarktung in der Regel über Zwischenhändler, die den Preis bestimmen und die Gewinne einstreichen.men dagegen die Produzentinnen auf ihre Kosten. In diesem Fall handelt es sich um die 34 Mitglieder der Frauengruppe Janakpur Art & Crafts, meist alleinstehende Mütter, bzw. verstossene Frauen, die von grosser Armut betroffen sind und gewöhnlich über keine Mittel und Kenntnisse verfügen, um ihre Situation zu verbessern. Die Zusammenarbeit mit Manushi und dem Fairen Handel ermöglicht der Gruppe den Mitgliedern zu einer Ausbildung zu verhelfen, korrekte Preise zu bezahlen und den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. So sind die Frauen nicht auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen, sondern können das Geld für den Schulbesuch aufbringen.


Hintergrund: Kastenwesen und Frauendiskriminierung in Nepal

Das Königreich Nepal ist, wie sein Nachbarland Indien, vom Hinduismus, der Staatsreligion, und dessen Kastensystem geprägt. Den untersten Rang nehmen auch hier die „Unberührbaren" ein; selbst elementare Rechte werden ihnen verwehrt, auch wenn sie immerhin schätzungsweise ein Fünftel der Gesamtbevölkerung stellen... Das weltberühmte „Dach der Welt" gehört trotz blutigen Kämpfen zwischen Rebellen und regierungsfreundlichen Kreisen nach wie vor zu den beliebtesten Touristenzielen. Nepal ist aber auch trotz zahlreicher Entwicklungsprojekte weiterhin eines der ärmsten Länder der Welt. 42 % der Bevölkerung - etwa 9 Millionen Menschen - leben unter der absoluten Armutsgrenze. Mehr als 2,6 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren sind gezwungen, für den Lebensunterhalt ihrer Familien hart zu arbeiten; unzählige Kinder müssen für sich allein sorgen und leben auf der Strasse.
Da Frauen nach wie vor eine untergeordnete Stellung zugewiesen wird, werden Mädchen von Geburt an stark benachteiligt, sowohl was ihre Ernährung als ihre medizinische Versorgung anbelangt. Deshalb sterben wesentlich mehr Mädchen als Buben vor dem fünften Lebensjahr. Während rund 80% der Buben die Primarschule besuchen, kommen nur 46 Prozent der Mädchen in den Genuss dieses Privilegs. Kein Wunder, dass über 80 Prozent der erwachsenen Frauen weder lesen noch schreiben können! Dementsprechend schlecht ist es auch mit ihren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bestellt. Ganz besonders schlimm ist die Situation der „verstossenen" und alleinerziehenden Frauen. Oft lassen sie sich verleiten, entweder selber den Versprechungen von vermeintlichen Wohltätern nachzugeben oder gar ihre jungen Töchter zu verkaufen, in der Meinung, damit eine vielversprechende Heirat oder eine gute Arbeit in die Wege zu leiten. In den meisten Fällen landen diese Frauen und jungen Mädchen freilich auf der Strasse oder in einem Bordell.
Die Verschleppung von nepalesischen Frauen und Kindern in indische Bordelle zählt weltweit zu den erschreckendsten bekannten Fällen des organisierten Menschenhandels. Menschenhandel ist zum höchst profitablen Geschäft geworden, begünstigt durch die offene Grenze zu Indien und die Verstrikkungen der Polizei in die Machenschaften der Menschenhändler und Bordellbesitzer. Jährlich werden mehr als 10'000 Mädchen zwischen neun und sechzehn Jahren aus Nepal und Bangladesh in die Bordelle Indiens verschleppt. Mittlerweile arbeiten nach Schätzungen von Expertinnen und Experten 200'000 bis 250'000 nepalesische Frauen und Kinder in der Prostitution in Indien. Durch den in vielen asiatischen Ländern kursierenden Irrglauben, Geschlechtsverkehr mit jungfräulichen Kindern habe eine verjüngende und stärkende Wirkung, halten die Menschenhändler auch in Nepal nach immer jüngeren Kindern Ausschau. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit dem verbreiteten Aberglauben, dass sich Kinder weniger leicht mit dem HIV-Virus infizieren. Dem ist natürlich nicht so. Gerade für Kinder, deren Immunsystem durch die Folgen der Armut oft geschwächt ist, besteht ein hohes Risiko zur Infektion mit dem Virus beim erzwungenen Geschlechtsverkehr mit Erwachsenen, da sie dabei häufig nicht nur seelisch, sondern auch körperlich schwer verletzt werden.

Nach Schätzungen von UN-AIDS und der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization) waren Ende 1999 etwa 34'000 Menschen in Nepal mit dem HIVVirus infiziert, darunter waren 10'000 Frauen und 930 Kinder. Im selben Jahr starben 2'500 Nepalesinnen an den Folgen der Viruserkrankung.

Nepal hat am 14. September 1990 die UN Konvention über die Rechte des Kindes ratifiziert und sich verpflichtet, Kinder vor allen Formen sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs zu schützen, was die Verschleppung von Kindern zur Prostitution in anderen Ländern einschliesst. Mit der Umsetzung der Konvention, bzw. der Durchführung von Massnahmen, die Menschenhandel in jeder Form unterbinden, hapert es allerdings auf der Regierungsebene. Umso wichtiger sind die Initiativen von NGO's und deren Verbündeten, die sich für das Recht der Kinder und ihrer Familien auf würdige Lebensbedingungen einsetzen.


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