Fundación Grupo Juvenil Salinas (FGJS)
Salinas, Ecuador

- Geschichte und Struktur der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- „Lasst uns die Hände reichen und geschwisterlich Handel betreiben!"

Geschichte und Struktur der Organisation
Entstehungsgeschichten sind oft mit Legenden umrankt oder mit aussergewöhnlichen Umständen verknüpft. Auch die Geschichte des Trockenpilz-Projektes aus Salinas tönt zunächst wie ein Märchen und fängt mit der Zauberformel „Es war einmal ..." an. In der Tat kam einmal, genauer gesagt anfangs der 1970er Jahre, ein italienischer Priester in Kontakt mit der Bevölkerung der Gemeinde Salinas, die - wie ihr Name andeutet - ehemals für ihre reichen Salzminen bekannt war. Doch heute liegt die Nutzung der Minen praktisch still, andere Arbeitsplätze gibt es in dieser gebirgigen Gegend kaum und die Landwirtschaft wirft nur einen ungenügenden Ertrag ab. In kurzer Zeit gelang es - mit Unterstützung des Priesters sowie europäischer NGOs und Entwicklungsdienste wie der DEZA, mehrere Gruppen zu organisieren und Kleinbetriebe in verschiedenen Bereichen (u.a. Käserei, Bäckerei, Schreinerei, Spinnerei und Verarbeitung von Wolle...) aufzubauen.
Zur Beteiligung und Förderung von Jugendlichen entstand eine eigene Gruppe, die Jahre später als Stiftung namens „Fundación Grupo Juvenil Salinas (FGJS)" offiziell anerkannt wurde und heute rund 120 Mitglieder zählt.Die Koordination des breitgefächerten Entwicklungsprojektes wurde bereits Ende der 1970er Jahre der dazu gegründeten Stiftung FUNORSAL („Fundación de Organizaciónes de Salinas") anvertraut. Gleichzeitig wurde ein Aufforstungsprogramm eingeleitet, um der Bodenerosion entgegenzuwirken und landwirtschaftlich unbrauchbares Land zumindest für die Forstwirtschaft zu nutzen. In Übereinstimmung mit den basisorientierten, partizipatorischen Grundlagen von FUNORSAL wurde beschlossen, die Aufforstung als traditionelle Gemeinschaftsarbeit (die so genannte „minga") durchzuführen; bis jetzt konnten über 2,5 Millionen Pinien und Zypressen gepflanzt werden!

Der neue Waldbestand führte zu einer grossen, folgenreichen Überraschung: Eines Tages entdeckten europäische Besucher, die den neuen Pinienwald besichtigten, eine Steinpilzart (boletus luteus), die bisher in der Gegend völlig unbekannt war; ebenso unbekannt war deren Nutzung als Trockenpilz. In Kürze wurde die Jugendlichengruppe FGJS, die sich von Anfang an für das Aufforstungsprojekt eingesetzt hatte, mit dem Aufbau und der Leitung der TrockenpilzProduktion betraut.


Ziele/Leistungen

Als Mitglied der Stiftung FUNORSAL verfolgt FGJS dasselbe Ziel, nämlich die Schaffung und Sicherung von Arbeit und Einkommen für einheimische Jugendliche und Frauen mittels der Gründung von selbstverwalteten, finanziell möglichst eigenständigen Kleinbetrieben; gleichzeitig soll die Selbstversorgung der Bevölkerung - überwiegend Kleinbauern - gefördert werden. FGJS hat sich zum einen auf den Aufbau eines alternativen Tourismusprojektes, zum andern auf die Herstellung, Verpackung und Vermarktung der Trockenpilze spezialisiert; ausserdem hat sie die nötigen Massnahmen zur Bio-Zertifizierung durchgeführt, so dass sie künftig ausschliesslich BIOTrockenpilze anbieten kann. Mit Unterstützung der gleich gesinnten FairHandelsorganisation MCCH (s. Kasten) sammelte FGJS die ersten Erfahrungen bei der Vermarktung der Trockenpilze im In- und Ausland. Mittlerweile beherrscht die Gruppe die Abwicklung der Geschäfte und verfügt über eine eigene Exportlizenz. Doch aufgrund des kleinen Bestellvolumens läuft der Export an die italienische Fair-Handelsorganisation CTM, bzw. claro vorläufig über MCCH.


Produzentinnen

Die Bevölkerung von Salinas besteht aus Indigenas und aus Mischlingen, die ohne grössere Konflikte nebeneinander, wenn nicht miteinander leben. Alle bestreiten ihren kargen Lebensunterhalt aus der kleinbäuerlichen Gebirgslandwirtschaft und können im besten Fall knapp die Selbstversorgung sichern.
Am Trockenpilz-Projekt sind hunderte von Familien aus der ganzen Gemeinde beteiligt, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Für das Sammeln der Pilze sorgen rund 450 Frauen und etwas über 100 Männern sowie 40 Kinder, die damit nach der Schule für einen kleinen Zusatzverdienst sorgen können. Für die Herstel
lung von einem Kilogramm getrockneter Pilze braucht es 9 bis 10kg Frischgut. Pro Tag kann eine Person durchschnittlich 30kg sammeln. FGJS bezahlt 0,19 US Cents pro Kilogramm; anders gesagt entspricht der Preis für 3kg Frischpilze dem Preis, der auf dem Lokalmarkt für 1kg Mais, dem wichtigsten einheimischen Grundnahrungsmittel, bezahlt werden muss.

Der zentrale Verarbeitungsbetrieb in Salinas, der von FGJS geleitet wird, ist dank italienischer Unterstützung mit modernen Anlagen ausgestattet worden; so können die Pilze EU-konform getrocknet und abgepackt werden. Mangels Absatzmöglichkeiten liegt die Produktion allerdings weit unter ihrer Kapazität. Deshalb kommen die überdurchschnittlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen bisher nur 26 Arbeiterinnen sowie 8 Angestellten im Verwaltungsbereich zugute.

In der ersten Zeit haben ausserdem zahlreiche Dorffamilien ihr Sammelgut eigenhändig, bzw. mit einfachen Geräten getrocknet; diese Produktion musste jedoch im Jahr 2002 eingestellt werden, da sie nicht den strengen hygienischen Vorschriften der EU entspricht. FGJS ist aber zur Zeit dabei, nach preisgünstigen, angepassten Technologien und Geräten zu suchen, die eine dezentralisierte und standardgerechte Produktion erlauben, so dass erneut auch auf Dorfebene gearbeitet werden kann.
November 2003/ep

„Lasst uns die Hände reichen und geschwisterlich Handel betreiben!"
Anfangs der 1980er Jahre gründete ein italienischer Priester, Anhänger der so genannten Befreiungstheologie, in den Armenvierteln von Quito, der Hauptstadt Ecuadors, eine Art Genossenschaftsläden, die ein doppeltes Ziel verfolgen: Zum einen sollen sie der benachteiligten Stadtbevölkerung erschwingliche Grundnahrungsmittel verschaffen, zum andern den Lieferanten - ausschliesslich Kleinbauern - durch Ausschaltung des Zwischenhandels zumindest kostendeckende Preise sichern. Heute existieren über 400 Läden, übers ganze Land verstreut! In diesem Rahmen entstand wenig später eine Stiftung, deren Namen die vielfältigen Ziele der Organisation zum Ausdruck bringt. In der Tat stammt der Name „Maquita Cushunchic Comercializando como Hermanos" (MCCH) zur Hälfte aus der indigenen Quechua-Sprache, zur Hälfte aus dem Spanischen und bedeutet in etwa „Lasst uns die Hände reichen und geschwisterlich Handel betreiben!".
In erster Linie geht es MCCH nämlich darum, zwischen verschiedenartigen Bevölkerungsgruppen in Stadt und Land Brücken zu schlagen, um gemeinsam Ausbeutung, Armut und Rechtlosigkeit zu bekämpfen; der Aufbau gerechter Handelsbeziehungen ist dabei ein wichtiges, doch nicht das einzige Mittel. MCCH setzt sich gezielt für die Anerkennung der Indigenas ein, die in Ecuador zwar seit kurzem in der Regierung vertreten sind, doch weiterhin um ihre elementaren Rechte kämpfen müssen.

Ein zentrales Anliegen ist ferner, Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen, da diese ihre Kinder vielfach allein erziehen müssen, doch meist keinen Schulabschluss, bzw. berufliche Ausbildung vorweisen und somit höchstens im informellen Sektor oder in den berühmt-berüchtigten „Maquilas 1)" etwas Geld verdienen können. So hat MCCH zum Aufbau von über 130 Frauengruppen in Stadt und Land, die vorwiegend Handwerk herstellen, beigetragen, organisiert Schulungsprogramme und vermarktet die Produkte im In- und Ausland. Als Verfechterin des Fairen Handels ist MCCH nicht nur Mitglied bei der IFAT, sondern hat bereits 1991 das Vermarktungsnetz RELAAC gegründet, das den Austausch zwischen lateinamerikanischen Fair-Handelsorganisationen, gemeinsame Vermarktungsinitiativen sowie Lobby-Arbeit zugunsten von Kleinproduzentlnnen fördert.
claro bezieht von MCCH (Code 662) seit anfangs der 1990er Jahre verschiedenste Handwerksartikel; zur Zeit sind drei Artikel - die Figurine „Schildkröte" aus Balsaholz, die handgetöpferte, kunstvoll dekorierte Bodenvase „Quito" sowie Kalebassen-Maracas - im Angebot. Bis zur Bio-Zertifizierung der Mascao-Schokolade lieferte MCCH ausserdem gelegentlich einen Teil des Kakaos; gegenwärtig ist die Organisation dabei, die Zertifizierung der - seit jeher chemiefreien - Produktion einzuleiten.

1)(Meist Textil-) Fabriken, die v. a. Frauen zu Billigstlöhnen und unter miserablen Arbeitsbedingungen ausbeuten. Vorwiegend in Freihandelszonen von Billigstlohnländern.

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