EMA (Equitable Marketing Association)

Kolkata, Indien

- Geschichte/Struktur der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- 1. Die Seidenschal-Produzentinnen
- 2. „Friends of Shantiniketan“


Geschichte/Struktur der Organisation

Seit vielen Jahrzehnten versuchen in und um Kolkata, wie Kalkutta neuerdings in Indien heisst, unzählige Handwerkerln nen ein Auskommen zu finden; vielfach handelt es sich um ehemalige Bauern, die ihrem Schuidenzirkel zu entgehen hoffen. Doch mangels Absatzmäglichkeiten und korrekten Preisen gelingt es nur wenigen, für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen zu können.

Nach Auswegen wird ebenfalls seit langer Zeit gesucht. Bereits in den 1960er Jahren entstanden zahlreiche Selbsthilfegruppen, darunter auch die „Gesellschaft für eine Faire Wirtschaftliche Entwicklung (Society for Equitable Economic Development). Im Anschluss an eine Evaluation, die SEED anfangs der 1970er Jahre durchführte, wurde beschlossen, die Handwerkerlnnen nicht nur zu Gruppen zu organisieren, sondern ein eigentliches Netzwerk aufzubauen. So wurde 1976 die nicht gewinnorientierte Vereinigung Equitable Marketing Association (EMA) gegründet; in der Anfangszeit zählte sie sieben Kleinbetriebe und neun Privatpersonen.

EMA zeichnet sich seit ihrer Gründung durch klare, demokratische Strukturen aus. Die Vereinigung gehört drei gleichberechtigten Mitgliedskategorien: die Handwerksgruppen, deren Zahl auf 42 angestiegen ist; 11 Privatpersonen, darunter die neun Gründungsmitglieder, sowie das Verwaltungspersonal, das gegenwärtig 26 Frauen und Männer zählt. Die oberste Entscheidungsgewalt liegt beim General Body, der aus Vertreterinnen aller Mitgliedskategorien besteht und regelmässig erneuert wird. Die Ausführung der Entscheidungen wird
durch ein Aufsichtsgremium (executive committee) überwacht, das ebenfalls aus Vertreterinnen aller Mitglieder besteht. Zur Förderung der Mitbestimmung werden seit einigen Jahren alle Versammlungen nicht mehr auf Englisch sondern auf Bengalisch abgehalten.

EMA setzt sich auf allen Ebenen gezielt für die Gleichberechtigung der Frauen ein. So hat sie innerhalb ihrer Organisation das Prinzip der paritätischen Verteilung der Spitzenposten eingeführt; anders gesagt, wenn — wie es gegenwärtig der Fall ist — ein Mann die Funktion des Präsidenten ausübt, so wird eine Frau als Leiterin des Aufsichtsgremiums ernannt.

Als Verfechterin des Fairen Handels und dessen Zielsetzungen ist EMA seit vielen Jahren Mitglied der international Fair Trade Association (IFAT).


Ziele/Leistungen

Anders als der Name Equitable Marketing Association vermuten liesse, geht es EMA bei weitem nicht nur darum, die Unterstützung der Mitglieder auf die Vermarktung der Produkte zu beschränken. EMA's Hauptziel ist es, benachteiligte Kleinproduzentlnnen — insbesondere Frauen sowie Angehörige kastenloser Bevölkerungsgruppen — dazu zu befähigen, sich eigenständig aus ausbeutenschen Arbeitsverhältnissen zu befreien und für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten. Grundvoraussetzung dafür ist die Sicherung des Lebensunterhaltes sowie die Förderung der Eigenverantwortlichkeit und grösstmögliche Unabhängigkeit der Produzentlnnen. Deshalb müssen die Gruppen versuchen, den Hauptteil ihrer Produktion auf dem Lokalmarkt abzusetzen; EMA beschränkt den Export-
anteil seit eh und je auf max. 25 %. EMA bietet u.a. zinslose Darlehen an und vermittelt kostengünstiges Werkzeug sowie Rohmaterialien, die möglichst von Mitgliedsgruppen stammen. Ausser Bildungsmassnahmen im produktionstechnischen aber auch sozialen Bereich fördert EMA die Gesundheitsvorsorge und steht, in Ubereinstimmung mit dem Ziel der Frauenförderung, für einen bezahlten Mutterschaftsurlaub ein. Ferner wurde. eine kostenlose administrative und juristische Beratungsstelle eingerichtet.


Produzentinnen

Die 42 Mitgliedergruppen sind in mehreren Bundesstaaten — hauptsächlich in Westbengalen und Uttar Pradesh
— in den verschiedensten Handwerksbereichen tätig; sie beschäftigen insgsamt rund 2500 Produzentlnnen, die überwiegend auf dem Land leben und oft etwas Landwirtschaft zumindest zur Selbstversorgung betreiben. 29 sind als Kooperativen, 8 als Privatgeselischaften offiziell anerkannt; bei den übrigen handelt es sich um fünf Familien.
In der Zentrale in Kolkata wird nicht nur für die Qualitätskontrolle und die Verpackung der Artikel gesorgt; EMA hat hier einen eigenen Druckbetrieb namens Textil Printing Unit eingerichtet, der an der Herstellung der Seidenschals beteiligt ist, die claro zur Zeit — nebst Mini börsen aus „Shanti“-Leder — über EMA bezieht.


1. Die Seidenschal-Produzentinnen

An den Seidenschals verdienen mehrere westbengalischen Bevölkerungsgruppen, angefangen bei der Kleinbauernfamilie, die Maulbeerbäume hält, Seidenraupen ernährt und einsammelt bis zur Näherin, die den Schal säumelt!
Das Rohmaterial für die Schals kauft EMA, getreu ihren Prinzipien, bei ihren Mitgliedgruppen; diese leben rund 300km nördlich von Kolkata in der Gegend von Mushidabaad, einem der Hauptgebiete der indischen Seidenproduktion. Die Seidenraupen-Zucht, bzw. die Gewinnung des Seidengarns verschafft zahlreichen Familien die Möglichkeit, zusatzlich zur Landwirtschaft etwas Geld zu verdienen. Weitere Arbeitsplätze sind in den zwei einheimischen Kooperativen, die das Garn zu Seidentüchern verweben, entstanden. Seidenzüchterln nen und Weberinnen erhalten dank EMA rund 25 % mehr Lohn als üblich.
Die Weiterverarbeitung erfolgt in Kolkata. Im EMA-Betrieb Textil Printing Unit bedrucken 15 fest angestellte Männer die Stoffbahnen von Hand. Das Zuschneiden und Umsäumeln der Seidenschais wird von 30 Frauen in Heimarbeit ausgeführt. EMA bietet beiden Gruppen überdurchschnittlich gute Lohn- und Arbeitsbedingungen.


2. „Friends of Shantiniketan“

Bedrucktes Leder, in Indien „Shanti“ genannt, stammt ursprünglich aus der Stadt Shantiniketan (zu deutsch Ort des Friedens), einem traditionellen Lederzentrum, rund 300 km nordwestlich von Kolkata gelegen. Einer der Betriebe, der seit 1986 im Auftrag von EMA „Shanti“Artikel herstellt, hat sich dank den fairen Handeisbedingungen zu einer eigenständigen Gruppe entwickeln können. Ende 1996 wurde diese unter dem Namen Friends of Shantiniketan offiziell anerkannt. Heute zählt sie 34 Mitglieder, genauer gesagt 14 Angestellte, die sich vor allem um administrative Belange sowie um Vermarktungsaufgaben,. u.a.m. kümmern, sowie 20 Handwerkerlnnen, bzw. 9 Männer und 11 Frauen. Zwei Frauen stammen aus dem Santhal-Volk, das als kastenlose Bevölkerungsgruppe nach wie vor am Rande der indischen Gesellschaft leben muss. Friends of Shantiniketan hat sich zum Ziel gesetzt, mit Ausbildungsmassnahmen und würdig bezahlten Arbeitsplätzen einen Beitrag zur sozialen und wirtschaftlichen Eingliederung der Santhals zu leisten.
Februar 2002/ep

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