Cooperativa Agricola Integral Campesino (CAIC)
Riberalta, Bolivien

- Geschichte/ Struktur der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- Von der Para- zur Amazonasnuss



Geschichte/ Struktur der Organisation

Das bolivianische Amazonas-Gebiet liegt im Nordosten des Landes, nahe der Grenze zu Brasilien und Peru; im Südosten stösst es an den Alto Beni an, woher der Kakao und das Trockenobst unserer Partnerorganisation EI Ceibo (Code 623) stammen. Bis in die 1920er Jahre gehörte die Gegend weltweit zu einem der wichtigsten Zentren der Kautschukgewinnung und lockte unzählige Menschen aus allen Landesteilen an; bei den meisten Zuzüglern handelte es sich - wie im Alto Beni - um verarmte Familien aus dem Andengebirge, die sich hier ein besseres Leben versprachen. Doch den meisten blieb nichts anderes
übrig als sich bei Grosshändlern und Landlords zu verdingen. Schliesslich setzten das Aufkommen synthetischer Produkte und die Konkurrenz durch den billigeren asiatischen Kautschuk der einheimischen Produktion ein Ende. Viele Siedler versuchen seither trotz der harten Bedingungen vor Ort für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. In der Tat nahm zur gleichen Zeit das Geschäft mit einem weiteren typischen Regenwaldprodukt, den so genannten Para- oder Brasilnüssen, Aufschwung.

Doch die Kontrolle über den neuen Erwerbszweig liegt - genauso wie früher die Kautschukproduktion bei ausbeuterischen Grosshändlern, so dass die Familien, die für das Sammeln und Aufknacken der Nüsse sorgen, weiterhin weder gegen
sklavenähnliche Arbeitsbedingungen noch gegen den Teufelskreis der Verschuldung gefeit sind.
Mit der Gründung der Cooperativa Agricola Integral Campesino (CAIC) wurde erstmals eine Alternative geschaffen. CAIC entstand Ende der 1970er Jahre aus dem Zusammenschluss mehrerer Dorfgruppen, mit Unterstützung der Gewerkschaft Federación Sindical Unica de Trabajadores Campesinos und der Nichtregierungs-Organisation EMEIR (Equipos Móviles de Educación Integral Rural). Trotz grosser wirtschaftlicher Probleme wie Inflation, zeitweiligen Preiszerfalls und der Auflösung einzelner Mitgliedergruppen hat sich CHIC im Laufe der Jahre zu einer starken Vermarktungs- und Dienstleistungsorganisation entwickelt, die sich für ihre Mitglieder und Angestellten in verschiedensten Bereichen vorbildlich einsetzt. Und der Erwerb einer eigenen
Verarbeitungsanlage hat nicht nur zusätzliche Verdienstquellen - mehrheitlich für Frauen - geschaffen, sondern versetzt CAIC auch in die Lage, heute selbständig ein Fertigprodukt herzustellen. CAIC ist als Landwirt schaftsgenossenschaft offiziell anerkannt; die oberste Entscheidungsgewalt liegt bei der Vollversammlung, die alle zwei Jahre aus den eigenen Reihen den vierköpfigen Verwaltungsrat sowie die drei Mitglieder des Aufsichtsrats ernennt. Sitz, Verwaltung und Verarbeitungsanlage befinden sich in Riberalta.
1993 schloss sich CAIC der bolivianischen Vereinigung für biologischen Landbau AOPEB an, die mehrere FairHandelspartner zu ihren Mitgliedern zählt (Anapqui, EI Ceibo, La Coronilla, u.a.m.). Mittlerweile hat sie die BIO-Zertifizierung für ihre gesamte Nussproduktion erhalten.


Ziele/Leistungen

Hauptziel der Genossenschaft ist es, einen Beitrag zum Aufbau einer gerechteren Gesellschaft zu leisten, und die bisher rechtlosen, sozial und geografisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen im Amazonas-Gebiet zu eigen-ständigem Handeln zu befähigen. Die Verarbeitung und direkte Vermarktung von Amazoniennüssen soll den Mitgliedern und Angestellten zu einem korrekten, existenzsichernden Einkommen verhelfen, bzw. die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen.
Dank CAICs Bemühungen, ein Fertigprodukt herzustellen, dieses grösstenteils an Fair-Handelsorganisationen zu exportieren und auf BIO-Zertifizierung zu setzen, erhalten die Sammlerinnen höhere Preise für die Nüsse als ortsüblich, sowie eine Vorfinanzierung. Ferner sorgt CAIC für den Transport der Nüsse von den schwer zugänglichen Sammelplätzen im Regenwald nach Riberalta. Auch die Angestellten in der Verwaltung und der Verarbeitungsanlage verdienen deutlich mehr; ausserdem bietet ihnen CAIC verschiedenste Sozialleistungen, die zwar gesetzlich vorgeschrieben sind, doch in der Regel nicht eingehalten werden. In mancher Hinsicht geht CAIC sogar darüber hinaus; so verleiht sie günstige Kredite und unterstützt die Mitglieder beim Erwerb wichtiger Dokumente wie Geburtsschein, Identitätskarte, Landtitel ..., die ihnen bisher nur ausnahmsweise zugänglich waren.

Die Verarbeitungsanlage kann allerdings - mangels Bestellungen - bislang keine Vollbeschäftigung anbieten, und ist erst noch nur zu etwa 35% der Produktionskapazität ausgelastet. Deshalb sucht CAIC nicht nur nach neuen Absatzmärkten für die Amazonasnüsse, sondern unterstützt die Mitglieder beim Verkauf von Agrarprodukten wie Kakao und Reis. Ferner wird zur Zeit geplant, den Dorfgruppen Pressen zur Verfügung zu stellen, damit sie Nussöl für den Eigengebrauch und den Lokalmarkt herstellen können. CAIC ist ausserdem auch im Bildungsbereich, der in der Gegend stark vernachlässigt wird, äusserst aktiv. So wurden verschiedenste Kurse, z.B. in der Gesundheitsvorsorge und Alphabetisierung, organisiert. Heute geht es der Genossenschaft vermehrt darum, die Mitglieder zum einen im Genossenschafts- und Gewerkschaftswesen, zum anderen im biologischen Landbau auszubilden. Frauenförderung ist ein weiteres wichtiges Anliegen; CAIC leistet dabei mit der Organisation von Veranstaltungen zur „gender"-Problematik (unterschiedliche Rollen und Verhaltensweisen der Gechlechter) eine eigentliche Pionierarbeit, die allerdings - wie bei EI Ceibo - erst in den Anfängen steht. So sind bis jetzt nur etwa 10 Frauen Genossenschaftsmitglieder; dies hängt freilich auch damit zusammen, dass Frauen - ausser Witwen - offiziell keinen Anspruch auf Land haben. Die Genossenschaft setzt sich deshalb sowohl für das Recht der Frauen auf Landtitel ein wie für die Änderung ihrer eigenen Statuten ein, da die Mitgliedschaft bisher - nebst der Entrichtung eines einmaligen Beitrages - den Besitz eines Landtitels voraussetzt. CAIC leitet auch in der Kinderarbeit, die in der Nussproduktion gang und gäbe ist, einen sozialen Wandel ein, indem sie diese durch Bewusstseinsbildung zu unterbinden versucht; ferner wird den Mitgliedern und Angestellten dank korrekter Löhne und Preise ermöglicht, für den Schulbesuch der Kinder aufzukommen.


Produzentinnen

Zur Zeit zählt CAIC 132 Mitglieder; dabei handelt es sich um die Angehörigen von Kleinbauernfamilien - teilweise indigener Abstammung -, die in über 20 weit verstreuten, oft nur zu Fuss oder per Boot erreichbaren Dorfgemeinschaften leben und auf kleinen Parzellen ein wenig Landwirtschaft betreiben. So pflanzen sie Mais, Kochbananen, Maniok, Zuckerrohr und Zitrusfrüchte für die Selbstversorgung sowie gelegentlich Reis und Kakao für den Binnenmarkt an. Die Wildsammlung von Nüssen stellt die wichtigste, wenn nicht einzige Bargeldquelle dar; trotz der korrekten Preise bei CAIC sehen sich aber viele Menschen nach wie vor gezwungen, nach der Erntezeit (November bis März) einen Zusatzverdienst zu suchen.
Die Verarbeitungsanlage in Riberalta beschäftigt etwa 170 Angestellte, fast ausschliesslich Frauen, die vor allem fürs Aufknacken und Schälen der Nüsse sorgen; die meisten stammen aus einer Familie, die Mitglied bei CAIC ist. Oft helfen junge Töchter oder Nichten ausserhalb der Schulzeiten mit; nach dieser Art Lehrlingszeit finden sie gewöhnlich ebenfalls einen Arbeitsplatz bei CAIC.


Zum Produkt

Die ausgereifte Frucht, die rund 20 Nüsse enthält, ähnelt äusserlich der Kokosnuss; ihre extrem harte, etwa anderthalb Zentimeter dicke Schale wird ebenfalls von der einheimischen Bevölkerung auf vielfältige Weise - z.B. als Schüssel - gebraucht.
Die Ernte, bzw. Wildsammlung findet zwischen November und März statt. Es handelt sich um eine arbeitsintensive Beschäftigung, die Vorsicht, Geschick, Ausdauer und Kraft erfordert und in der Regel den Männern überlassen wird.
Die Bäume können meist nur auf Fusspfaden oder auf Wasserläufen erreicht werden. Da ihr dünner Stamm das Pflücken der Früchte ausschliesst, müssen die Sammler den Moment abwarten, bis die reifen, 1 bis 3kg schweren Früchte von selber auf den Boden fallen; dabei verwandeln sich diese gelegentlich zu gefährlichen, ja gar zu tödlichen Geschossen.
Als erstes gilt es, die Früchte an Ort und Stelle mit der „Machete" zu öffnen und die Nüsse herauszuklauben. Anschliessend wird das Erntegut - wiederum zu Fuss oder in einem kleinen Kanu - zum lokalen Sammelplatz gebracht. Dort müssen die Nüsse vor dem Transport per Jeep oder Boot nach Riberalta vorgetrocknet werden.
Die Weiterverarbeitung in Riberalta setzt in der Erntezeit ein und kann mehrere Monate dauern. Zuerst müssen die harten, dreikantigen Schalen in einer Art Dampfkochtopf unter Druck aufgeweicht werden. Anschliessend werden sie mit manuellen Nussknackern aufgeknackt. Erfahrene Arbeiterinnen können pro Tag bis zu 50kg Nüsse knacken. Vor dem Export werden die Nusskerne nochmals getrocknet und sortiert. Ein Kilogramm ungeschälte Nüsse ergibt am Ende des Verarbeitungs- und Trocknungsprozesses ungefähr 270g geschälte Nusskerne. Da CAIC zur Zeit noch nicht über die nötigen Installationen verfügt, werden die Nüsse in Vakuum-Säcken zu 25kg exportiert und in Europa, bzw. in der Schweiz für den Verkauf fertig abgepackt.
Die Amazonia Paranüsse von CAIC, die claro anbietet, sind mit der Bioknospe ausgezeichnet, da sie aus nachhaltiger Regenwaldnutzung stammen und bei der Herstellung des Fertigproduktes auf jegliche chemische Beigabe verzichtet wird.
Februar 2004/ep


Von der Para- zur Amazonasnuss

Der Baum (botan. Berthollia excelsa), von dem die so genannte Paranuss stammt, wächst ausschliesslich im tropischen Regenwald des Amazonasbeckens und ist ein wichtiger Teil eines äusserst komplexen Ökosystems. Versuche, den Baum in anderen Regionen anzupflanzen, sind bisher gescheitert. Seine Bestäubung wird nämlich nur von einer ganz bestimmten Bienenart gewährleistet, die für ihre Fortpflanzung auf eine ausschliesslich im Amazonasbecken heimische Orchidee angewiesen ist. Eine weitere wichtige Rolle für die Erhaltung und Vermehrung des Baumes spielt ein typischer Regenwaldbewohner, das hasenähnliche Nagetier namens Agouti, das als einziges Tier imstande ist, die harte Frucht und die darin enthaltenen Nüsse aufzuknacken. Ist sein Hunger gestillt, so hinterlässt es die restlichen, bereits entschälten, oft angeknabberten Nüsse auf dem immerfeuchten Boden des Regenwaldes, wo diese über kurz oder lang keimen und sich im Lauf der Jahre zu 50m hohen Bäumen entwickeln.

1993 organisierte CAIC ein Treffen mit Basisgruppen aus dem peruanischen und brasilianischen Amazonasgebiet, um gemeinsam nach Lösungen für die Probleme, die sich bei der Verwertung der Nüsse stellen, zu suchen. Dabei wurde beschlossen, zur Verteidigung der einheimischen Bevölkerung und ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen eine überregionale Vereinigung zu gründen, gemeinsam für die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes und seiner vielfältigen Produkte einzustehen und künftig - als eine Art geografische, bzw. kulturelle Herkunftsbezeichnung - den Namen Amazonasnuss zu gebrauchen. Bei verschiedenen FairHandelsorganisationen, darunter claro, hat sich seither der Name Amazonia Paranuss eingebürgert.

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