Cooperativa Agricola Integral
Campesino (CAIC)
Riberalta, Bolivien
Doch die Kontrolle
über den neuen Erwerbszweig liegt - genauso wie früher die Kautschukproduktion
bei ausbeuterischen Grosshändlern, so dass die Familien, die für das
Sammeln und Aufknacken der Nüsse sorgen, weiterhin weder gegen
sklavenähnliche Arbeitsbedingungen noch gegen den Teufelskreis der Verschuldung
gefeit sind.
Mit der Gründung der Cooperativa Agricola Integral Campesino (CAIC) wurde
erstmals eine Alternative geschaffen. CAIC entstand Ende der 1970er Jahre aus
dem Zusammenschluss mehrerer Dorfgruppen, mit Unterstützung der Gewerkschaft
Federación Sindical Unica de Trabajadores Campesinos und der Nichtregierungs-Organisation
EMEIR (Equipos Móviles de Educación Integral Rural). Trotz grosser
wirtschaftlicher Probleme wie Inflation, zeitweiligen Preiszerfalls und der
Auflösung einzelner Mitgliedergruppen hat sich CHIC im Laufe der Jahre
zu einer starken Vermarktungs- und Dienstleistungsorganisation entwickelt, die
sich für ihre Mitglieder und Angestellten in verschiedensten Bereichen
vorbildlich einsetzt. Und der Erwerb einer eigenen
Verarbeitungsanlage hat nicht nur zusätzliche Verdienstquellen - mehrheitlich
für Frauen - geschaffen, sondern versetzt CAIC auch in die Lage, heute
selbständig ein Fertigprodukt herzustellen. CAIC ist als Landwirt schaftsgenossenschaft
offiziell anerkannt; die oberste Entscheidungsgewalt liegt bei der Vollversammlung,
die alle zwei Jahre aus den eigenen Reihen den vierköpfigen Verwaltungsrat
sowie die drei Mitglieder des Aufsichtsrats ernennt. Sitz, Verwaltung und Verarbeitungsanlage
befinden sich in Riberalta.
1993 schloss sich CAIC der bolivianischen Vereinigung für biologischen
Landbau AOPEB an, die mehrere FairHandelspartner zu ihren Mitgliedern zählt
(Anapqui, EI Ceibo, La Coronilla, u.a.m.). Mittlerweile hat sie die BIO-Zertifizierung
für ihre gesamte Nussproduktion erhalten.
Die Verarbeitungsanlage kann allerdings - mangels Bestellungen
- bislang keine Vollbeschäftigung anbieten, und ist erst noch nur zu etwa
35% der Produktionskapazität ausgelastet. Deshalb sucht CAIC nicht nur
nach neuen Absatzmärkten für die Amazonasnüsse, sondern unterstützt
die Mitglieder beim Verkauf von Agrarprodukten wie Kakao und Reis. Ferner wird
zur Zeit geplant, den Dorfgruppen Pressen zur Verfügung zu stellen, damit
sie Nussöl für den Eigengebrauch und den Lokalmarkt herstellen können.
CAIC ist ausserdem auch im Bildungsbereich, der in der Gegend stark vernachlässigt
wird, äusserst aktiv. So wurden verschiedenste Kurse, z.B. in der Gesundheitsvorsorge
und Alphabetisierung, organisiert. Heute geht es der Genossenschaft vermehrt
darum, die Mitglieder zum einen im Genossenschafts- und Gewerkschaftswesen,
zum anderen im biologischen Landbau auszubilden. Frauenförderung ist ein
weiteres wichtiges Anliegen; CAIC leistet dabei mit der Organisation von Veranstaltungen
zur „gender"-Problematik (unterschiedliche Rollen und Verhaltensweisen
der Gechlechter) eine eigentliche Pionierarbeit, die allerdings - wie bei EI
Ceibo - erst in den Anfängen steht. So sind bis jetzt nur etwa 10 Frauen
Genossenschaftsmitglieder; dies hängt freilich auch damit zusammen, dass
Frauen - ausser Witwen - offiziell keinen Anspruch auf Land haben. Die Genossenschaft
setzt sich deshalb sowohl für das Recht der Frauen auf Landtitel ein wie
für die Änderung ihrer eigenen Statuten ein, da die Mitgliedschaft
bisher - nebst der Entrichtung eines einmaligen Beitrages - den Besitz eines
Landtitels voraussetzt. CAIC leitet auch in der Kinderarbeit, die in der Nussproduktion
gang und gäbe ist, einen sozialen Wandel ein, indem sie diese durch Bewusstseinsbildung
zu unterbinden versucht; ferner wird den Mitgliedern und Angestellten dank korrekter
Löhne und Preise ermöglicht, für den Schulbesuch der Kinder aufzukommen.
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Produzentinnen
Zur Zeit zählt CAIC 132 Mitglieder; dabei handelt
es sich um die Angehörigen von Kleinbauernfamilien - teilweise indigener
Abstammung -, die in über 20 weit verstreuten, oft nur zu Fuss oder per
Boot erreichbaren Dorfgemeinschaften leben und auf kleinen Parzellen ein wenig
Landwirtschaft betreiben. So pflanzen sie Mais, Kochbananen, Maniok, Zuckerrohr
und Zitrusfrüchte für die Selbstversorgung sowie gelegentlich Reis
und Kakao für den Binnenmarkt an. Die Wildsammlung von Nüssen stellt
die wichtigste, wenn nicht einzige Bargeldquelle dar; trotz der korrekten Preise
bei CAIC sehen sich aber viele Menschen nach wie vor gezwungen, nach der Erntezeit
(November bis März) einen Zusatzverdienst zu suchen.
Die Verarbeitungsanlage in Riberalta beschäftigt etwa 170 Angestellte,
fast ausschliesslich Frauen, die vor allem fürs Aufknacken und Schälen
der Nüsse sorgen; die meisten stammen aus einer Familie, die Mitglied bei
CAIC ist. Oft helfen junge Töchter oder Nichten ausserhalb der Schulzeiten
mit; nach dieser Art Lehrlingszeit finden sie gewöhnlich ebenfalls einen
Arbeitsplatz bei CAIC.
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Von der Para- zur Amazonasnuss
Der Baum (botan. Berthollia excelsa), von dem die so genannte
Paranuss stammt, wächst ausschliesslich im tropischen Regenwald des Amazonasbeckens
und ist ein wichtiger Teil eines äusserst komplexen Ökosystems. Versuche,
den Baum in anderen Regionen anzupflanzen, sind bisher gescheitert. Seine Bestäubung
wird nämlich nur von einer ganz bestimmten Bienenart gewährleistet,
die für ihre Fortpflanzung auf eine ausschliesslich im Amazonasbecken heimische
Orchidee angewiesen ist. Eine weitere wichtige Rolle für die Erhaltung
und Vermehrung des Baumes spielt ein typischer Regenwaldbewohner, das hasenähnliche
Nagetier namens Agouti, das als einziges Tier imstande ist, die harte Frucht
und die darin enthaltenen Nüsse aufzuknacken. Ist sein Hunger gestillt,
so hinterlässt es die restlichen, bereits entschälten, oft angeknabberten
Nüsse auf dem immerfeuchten Boden des Regenwaldes, wo diese über kurz
oder lang keimen und sich im Lauf der Jahre zu 50m hohen Bäumen entwickeln.
1993 organisierte CAIC ein Treffen mit Basisgruppen aus
dem peruanischen und brasilianischen Amazonasgebiet, um gemeinsam nach Lösungen
für die Probleme, die sich bei der Verwertung der Nüsse stellen, zu
suchen. Dabei wurde beschlossen, zur Verteidigung der einheimischen Bevölkerung
und ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen eine überregionale
Vereinigung zu gründen, gemeinsam für die nachhaltige Nutzung des
Regenwaldes und seiner vielfältigen Produkte einzustehen und künftig
- als eine Art geografische, bzw. kulturelle Herkunftsbezeichnung - den Namen
Amazonasnuss zu gebrauchen. Bei verschiedenen FairHandelsorganisationen, darunter
claro, hat sich seither der Name Amazonia Paranuss eingebürgert.
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