Asocación Centro Cultural y Artesanal Pop Atziak
San Cristobál Totonicapán, Guatemala, claro Produzentencode 679

- Hintergrund
- Geschichte/Struktur der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- Der „Halbmond des Schlafes”
- Wie die Webkunst auf die Erde kam


Hintergrund

Das Reich der Maya erstreckte sich vor dem Eindringen der spanischen Eroberer über ein weites Gebiet, welches seit der Gründung der zentralamerikanischen Nationalstaaten auf mehrere Länder aufgeteilt ist: Belize, EI Salvador, Guatema­la, Honduras, Mexiko. Guatemala war einst das eigentliche Kerngebiet der

Maya-Volk; von hier aus breiteten sich ihre Kulturen und Sprachen aus. Noch heute ist Guatemala das einzige Land Lateinamerikas, dessen indige­ne Bevölkerung deutlich die Mehrheit stellt (mind. 60%). Und nach wie vor werden mehr als 20 Maya-Sprachen gesprochen. Doch hier wie anderswo werden die Indigenas seit Jahrhunder­ten geächtet und verfolgt. Während der Militärdiktatur und des Bürgerkrie­ges, der in den 1960er Jahren aus-brach, stammten die meisten Opfer aus der Mayabevölkerung; laut

UNICEF fielen schätzungsweise 200'000 Indigenas einem eigentlichen Völkermord zum Opfer; unzählige Famili­en, meist Kleinbauern, wurden vertrie­ben, versteckten sich im Land selber oder flohen nach Mexiko. Der Bürgerkrieg wurde 1996 beendet; für viele Flüchtlinge steht der Rückkehr ins Land oder gar in ihr Heimatdorf damit an sich nichts im Weg.
Doch die Wunden sind noch längst nicht verheilt, umso weniger als das Friedensabkommen, das – u.a. im Hinblick auf die Wahrnehmung der Identität und Rechte der indigenen Be­völkerung – zwar auf grundlegende Reformen im landwirtschaftlichen, rechtli­chen und politischen Bereich beruht, in Wirklichkeit jedoch kaum umgesetzt wurde. Dazu kommt, dass seit 1999, nach dem Amtsantritt des FRG, der Par­tei des früheren Diktators General Efraín Rios Montt, der für die Massaker und Vertreibungen anfangs der 1980er Jahre verantwortlich ist, erneut gravierende Menschenrechtsverletzungen gang und gäbe wurden.
Maria, eine der Gründerinnen von Pop Atziak, ist stolz auf ihren Weltladen-Sack.

Kein Wunder, dass sich die Situation der Indigenas bisher kaum zum Besseren gewendet hat; als Zweitklass-Bürgerinnen stehen sie nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch im abseits. 75% der indigenen Familien leben in äusserster Armut, 60% der Kinder gehen nicht zur Schule, mehr als die Hälfte leiden unter mangelnder Ernäh­rung, 95% der Frauen sind Analphabetinnen. Ob die Wahl des Präsidenten Oscar Berger im Dezember 2003, bzw. die deutliche Niederlage des FRG, zu einem entscheidenden Wandel führen, bzw. Grundlagen zu einer gerechteren, multikulturellen Gesellschaft schaffen wird, steht vorderhand offen. Auch wenn der neue Präsident die guatemaltekische Menschenrechtsaktivistin Rigoberta Menchú aus dem Maya-Volk der Quiché, – sie erhielt 1992 den Friedensnobelpreis –, eingeladen hat, an seiner Regie­rung teilzunehmen. Doch wird dieses sicherlich positive Zeichen wirklich kon­krete Verbesserungen für die Indigenas zeitigen?


Geschichte/Struktur der Organisation

Zu den einheimischen Nicht-Regierungsorganisationen, die sich trotz Diktatur und Todesschwadronen seit Jahren für die indigene Bevölkerung einsetzten und zu ihrer Stärkung und Befähigung im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereich beizutragen versuchten, gehören mehrere Fair-Handelspartner wie beispielsweise Pop Atziak (claro-code 669). Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss einiger Handwerksfamilien aus dem Maya-Volk der Quiché im nordwestlichen Hochland Guatemalas Mitte der 1980er Jahre. Seit 1988 ist Pop Atziak als Vereinigung offiziell anerkannt. Inzwischen zählt die Vereinigung 44 Mitglieder, davon 29 Frauen, und kann zusätzlich, aufgrund der steigenden Bestellungen, je nach Bedarf bis zu rund 100 weitere Handwerkerinnen beschäftigen. Nicht-Mitglieder erhalten den gleichen Preis und können an den Generalversammlungen, die den 7-köpfigen Verwaltungsrat ernennt, teilnehmen, verfügen aber über kein Wahlrecht. Sitz und Verwaltung befinden sich in San Cristobál Totonicapán; für die Ausführung der Koordinations- und Verwaltungsaufgaben sorgen 6 fest angestellte Personen.


Ziele/Leistungen

Pop Atziak geht es darum, mit der Förderung der traditionellen Webkunst und der gemeinsamen Vermarktung von Stoffen und Fertigprodukten nicht nur Verdienstquellen für die besonders benachteiligte Maya-Bevölkerung zu schaffen, sondern deren Kultur und Identität zu schützen sowie sichtbar zu machen. Dies kommt auch im Namen der Vereinigung zum Ausdruck, der spanische und indigene Sprachelemente verschmelzt. Zum einen stellt sich die Vereinigung als kulturelles und handwerkliches Zentrum (Asociación Centro Cultural y Artesanal) dar, zum andern nennt sie sich zusätzlich Pop Atziak, was aus der Quiché - Sprache übersetzt in etwa folgendes bedeutet: „Die (Lebens-) Geschichte der Maya, eingewebt in Stoff”.

In den Anfangsjahren wollte Pop Atziak mit der Stärkung des traditionellen Gemeinschaftssinns auch Widerstand gegen die Militärdiktatur leisten. In der Tat gelang es der Gruppe trotz Repression durch die Behörden auch in den schwierigsten Zeiten, Kontakte zu Handwerkerinnen selbst in weit entlegenen Orten aufrecht zu halten, die Produktion zu koordinieren und dank diesen „Fäden der Gemeinschaft” ein starkes Netz zu schaffen.

Frauen werden eigens über ihre Rechte informiert und mit spezifischen Massnahmen gefördert. Eine weitere beachtenswerte Leistung ist die Durchführung von Schul- und Bildungsprogrammen, die Kindern und Erwachsenen zum einen traditionelle kulturelle Werte und die eigene Schriftsprache überliefern, zum andern Spanischkenntnisse vermitteln und ihnen den Zugang zu den öffentlichen Bildungsinstitutionen des Landes erleichtern sollen. So sorgt Pop Atziak für Stipendien, die es den Eltern erlauben, Bücher und Uniformen für den Schulbesuch zu bezahlen. Auch im Krankheitsfall leistet Pop Atziak finanzielle Hilfe.

Zur Förderung der Mayakultur plant Pop Atziak zur Zeit den Aufbau eines kleinen Textilmuseums, das seinen Platz neben dem neuen Verwaltungsgebäude in San Cristobal erhalten soll und von einer kanadischen Solidaritätsgruppe mitfinanziert wird.

Neuerdings betreibt die Vereinigung zudem ein Wiederaufforstungsprojekt; bereits wurden über 20'000 Setzlinge gepflanzt.


Produzentinnen

In den meist weit auseinanderliegenden, schwer zugänglichen Dorfgemeinschaf­ten des nordwestlichen Hochlands pflan­zen unzählige Familien auf kleinen Par­zellen Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen zur Selbstversorgung an. Der Verkauf von Überschüssen auf dem Lokalmarkt sowie, in einigen Gegenden, von Exportkaffee bringt ihnen ein wenig Bargeld ein. Die Herstellung von Hand-werk schafft vielfach zusätzliche Ver­dienstquellen. Doch nichtsdestotrotz lebt die Mehrheit der Bevölkerung in grosser Armut, begnügt sich mit einfachsten Wohnverhältnissen, ohne Strom- und Trinkwasserversorgung, und verfügt nur selten über die Möglichkeit, die Kinder zur Schule zu schicken oder Arztbesuche und Medikamente zu bezahlen.

Pop Atziak unterstützt Handwerkerinnen, die in der Umgebung von Totonicapán, Huehuetenango, Quetzaltenango und in der Gegend des Atitlansees in ähnlichen Verhältnissen leben, doch dank Pop At­ziak regelmässige Aufträge, Vorfinanzie­rungen und korrekte Preise erhalten, sich aus- und weiterbilden und die Kin-der zur Schule schicken können. So sind sie in der Lage, Schritt für Schritt ihre Lebensbedingungen gemeinsam, doch aus eigenen Kräften zu verbessern, und ihre kulturelle Identität zu wahren.


Der „Halbmond des Schlafes”

In unseren Breitegraden verkörpert die Hängematte Freizeit, Lebenskultur, Ent­spannung, Exotik... Für unzählige Indi­genas ist das „Bett des Windes”, auch „Halbmond des Schlafes” oder „Himmelbett der Götter” genannt, vieler­orts noch heute eines der einzigen „Möbelstücke”; kleinere Modelle dienen als Wiege, andere als Sitzgelegenheit. Doch im Süden und im Norden, im Alltag oder in der Freizeit tragen Hängematten zum Wohlbefinden von Geist und Körper, von Jung und Alt bei. Hängematten sind dehnbar und passen sich jeder Körper­bewegung an. Dennoch bieten sie festen 'Halt im Rücken. Muskelverspannungen werden so schnell und leicht gelöst. Hängematten sind für Quer- oder Diago­nallage angelegt und werden – auch für eine Person – mit zunehmender Grösse noch bequemer.

Die Maya-Bevölkerung des Hochlandes von Guatemala ist berühmt für die aus-gesprochene Vielfalt und Farbenpracht ihrer Kleidungsstücke. Fast jede Frau stellt für sich und ihre Familie die All-tags- und Festtagskleidung selber her. Diese Trachten sind eigentlich gewebte Texte. Wer die Muster und Farben zu lesen weiss, kann die ethnische Zugehörigkeit, das Dorf, den Familienstand, die Altersgruppe und Stellung des Trägers oder der Trägerin innerhalb der Gemeinschaft ablesen. Auch persönliche Botschaften über die Weberin, ihre Familienbeziehung, ihre persönliche Aesthetik, Geschicklichkeit und Selbstbewusstsein finden ihren Ausdruck.

Diese Vielfalt wurde von den spanischen conquistadores keineswegs aus Kunstbeflissenheit gefördert, sondern aus strategischen Gründen geradezu verordnet: Anhand ihrer spezifischen Tracht konnten die indigenen Bevölkerungsgruppen jeweils mühelos identifiziert und kontrolliert werden.

Die Mitglieder von Pop Atziak sind auf die Herstellung verschiedenster Stoffe und Produkte aus Baumwollgarn speziaIisiert. Das Garn wird im Land mit AZO-freien synthetischen Farben eingefärbt. Je nach Bestellung wird der so genannte Hüft-Webstuhl (zum Beispiel für Baby-Tragtücher) oder der grössere Pedal-Webstuhl (für Hängematten) benutzt.

claro bezieht zur Zeit ausschliesslich Hängematten. Für deren Herstellung sorgen verschiedene Handwerkerinnen. Die Stoffbahnen werden von mehreren Weberfamilien aus der Gegend zwischen Totonicapán und Huehuetenango gewoben. Die Näharbeiten erfolgen in einer Werkstatt ausserhalb von Totonicapán. Und zum Schluss werden die Schnüre und Aufhängungen in der Zentrale von Pop Atziak in San Cristobál angebracht.
Jede Hängematte ist ein von Hand geschaffenes Einzelstück!


Wie die Webkunst auf die Erde kam

Weben gehört zu den ältesten Handwerks­traditionen. Bei den Maya heisst es, diese Kunst sei ein Geschenk der himmlischen Mutter Ishmukane an Ishkik, ihre irdische Schwiegertochter, und somit an die Mensch­heit. Wie es dazu kam, berichtet eine alte Legende, die noch heute gern erzählt wird.

Eines Tages sah die himmlische Mutter Ish­mukane, wie Jun Ajpu und Ishbalamke, die Kinder ihres Sohnes und der irdischen Ishkik, vor Kälte zitterten. Da sprach sie zu sich: „Jahre sind es her, dass mein Sohn in der unteren Welt getötet wurde. Wie schlimm, dass meine Enkelkinder Schmerzen und Kälte erleiden müssen, weil sie Waisen sind... Vielleicht sollte ich Ishkik beibringen, wie man Kleider webt? Als Grossmutter habe ich Pflichten und bin für das Wohlergehen der Kinder verantwortlich!”

So begann Ishmukane, ihre Schwiegertoch­ter in die Kunst des Webens einzuweihen. Doch Ishkik fiel es schwer, sich die neuen Fertigkeiten anzueignen. Die Zeit verging, nach wie vor brachte Ishkik nichts zustande, und die Grossmutter hatte es satt, den vergeblichen Anstrengungen der jungen Frau zuzusehen.

Eines Tages ging Ishmukane über das Land ihrer Schwiegertochter und überlegte, wie sie ihren Lehrversuchen doch endlich zum Erfolg zu verhelfen könnte. Da entdeckte sie plötzlich in einem dichten Gebüsch eine kleine Spinne und beobachtete, wie diese zuerst ihre weissen Fäden voller Hingabe von einem Zweig zum andern spannte und diese dann mit anderen Fäden zu einem perfekten Gewebe verband. Sofort machte sich die himmlische Mutter auf, um Ishkik zu rufen. Die junge Frau eilte herbei und sah der Spinne bei ihrem Werk zu.

So kam es, dass Ishkik schliesslich doch noch das Weben erlernte. Vor ihrem Tod gab sie ihre Kunst weiter, und so hat diese wei­ter gelebt, von Generation zu Generation, bis auf den heutigen Tag.
(Quelle: El Puente)
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