Aj Quen

Chimaltenango, Guatemala

- Hintergrund
- Geschichte der Organisation
- Ziele/Leistungen
- Produzentinnen
- Saker Nan
- Das Geheimnis der Sorgenpüppchen


Hintergrund

Guatemala, einst das Kerngebiet des Maya-Reiches, ist heute das einzige Land Lateinamerikas, dessen indigene Bevölkerung – rund 9 Millionen Menschen – deutlich die Mehrheit stellt. Acht Jahre nach dem 36-jährigen Krieg, dem unzählige Maya-Angehörige zum Opfer fielen, ist die soziale und politische Situation der Indigenas noch schlimmer als zuvor. Nach wie vor hat die versprochene Landreform nicht stattgefunden; einige wenige Grossgrundbesitzer nutzen die besten Böden für Exportprodukte; das Gesundheitswesen wurde privatisiert und damit für die Mehrheit der Bevölkerung, die unter der Armutsschwelle lebt, unerschwinglich; und die Kultur der Mayas, die durch einen tiefen Rassismus in eine Art Apartheid gedrängt wird, hat trotz der Friedensverträge keine Anerkennung gefunden. Ebenso werden weiterhin die grundlegenden Menschenrechte der Indigenas verletzt.
Mehr zur Lage der Maya-Bevölkerung steht im Produzentinnenbeschrieb Pop Atziak (claro aktuell Juni 2004) sowie in der neuesten Nummer der EZA 3. Welt-Zeitschrift „Orte der Zuversicht - Schwerpunkt Guatemala”
(http://www.eza3welt.at/download.htm)


Geschichte der Organisation

Wie Pop Atziak ist auch Aj Quen in den 1980er Jahren, zur Zeit des Bürgerkriegs, entstanden. Der An-stoss zur Gründung einer eigentlichen Vereinigung erfolgte nach einem Treffen im Hochland Guatemalas, bei dem nach Wegen gesucht wurde, um trotz aller Schwierigkeiten Zukunftsperspektiven für indigene Handwerkerfamilien zu schaffen.
1990 wurde die Vereinigung unter dem Namen Aj Quen offiziell eingetragen. Den Mitgliedern, die damals- wie eh und je- vor allem handgewebte Stoffe und traditionelle Textilien herstellten, ging es dabei nicht nur um die Schaffung von Verdienstquellen, sondern auch um die Anerkennung ihrer Kultur und ihrer Rechte: „Aj Quen heisst in unserer Sprache Weber und weist auf unsere gemeinsame Vision hin. Tatsächlich möchten wir in der selben Weise, in der beim Weben Kette und Schuss miteinander verbunden sind, kulturelle und politische Selbstbestimmung mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit verquicken, um eine friedvolle, demokratische Gesellschaft zu schaffen.”

Anfangs zählte Aj Quen bis zu 40 Gruppen; doch nicht alle waren bereit, sich den Herausforderungen dieser hohen Zielsetzungen zu unterziehen und u.a. dementsprechende demokratische Strukturen innerhalb ihrer Gruppen aufzubauen. Im Lauf der Zeit lösten sich einige wieder auf, andere zogen es vor, ihre Mitgliedschaft aufzukündigen. Heute vereint Aj Quen 26 Gruppen mit insgesamt etwa 800 Mitgliedern. fast aus-schliesslich Frauen. Oberstes Gremium ist die jährliche Generalversammlung aller Mitglieder. Dabei wird auch der Verwaltungsrat ernannt. der aus zwei Männern und fünf Frauen – den Vertreterinnen von Basisgruppen – besteht. Sitz und Verwaltung befinden sich in Chimaltenango. Für die laufenden Geschäfte. die alle zwei Wochen stattfindenden Gruppenbesuche sowie die Koordination des umfangreichen Bildungsangebotes sind 14 Angestellte zuständig: bei gewissen Aufgaben hilft eine Freiwilligengruppe mit.
Aj Quen ist nicht nur regional eine wichtige Vereinigung, sondern arbeitet eng vernetzt mit Nicht-Regierungsorganisationen im ganzen Land, die im Handwerksbereich sowie in verschiedenen Sektoren der Zivilgesellschaft aktiv sind. Ferner ist Aj Quen seit kurzem Mitglied bei der IFAT.


Ziele/Leistungen

Aj Quen's Hauptziel ist es, einen Beitrag zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu leisten, in der die Rechte der benachteiligten Bevölkerungsgruppen und somit der Indigenas anerkannt sind. Dabei geht es zum einen darum, gemeinsam mit anderen Organisationen auf politischer Ebene aktiv zu sein, zum andern, innerhalb von Aj Quen und den angeschlossenen Gruppen demokratische Strukturen zu schaffen und Rivalitäten abzubauen. Frauenförderung steht ebenfalls auf allen Ebenen im Vordergrund. Gleichzeitig ermöglicht Aj Quen durch die Vermarktung von Handwerksartikeln zu fairen Bedingungen den Mit-gliedern – überwiegend alleinstehende Frauen - für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Aj Quen unterstützt sie dabei massgebend, u.a. mit Vorfinanzierungen, günstigen Rohmaterialien, neuen Designs und Produkteentwicklungen. Zur Verminderung der Abhängigkeit vom Exportmarkt versucht Aj Quen, den Absatz im Lande selbst zu steigern. So gibt es in Antigua und Guatemala City bereits einen Laden, bald sollen Verkaufsstellen in anderen Landesgegenden folgen.

Ferner steht den Mitgliedern ein weit gefächertes Bildungsangebot offen, das die verschiedensten Bereiche umfasst: produktionstechnische und administrative Belange, Alphabetisierung, Gesundheit, Ernährung, Umweltschutz, Stärkung der Gruppenorganisation, kulturelle Identität u. a. m. Bei dieser vorbildlichen, ganzheitlichen Proiektarbeit wird Ai Ouen von mehreren europäischen Organisationen des Fairen Handels sowie ähnlich gesinnten NGO's wie OXFAM-Solidarité aus Belgien unterstützt.

Produzentinnen
Aj Quen's Mitglieder sind hauptsächlich alleinstehende Frauen: anfangs handelte es sich meist um Witwen, deren Männer im Bürgerkrieg oder anlässlich von Gewaltakten durch das Militär getötet wurden, heute vielfach um alleinstehende Mütter. Steht ihnen etwas Land zur Verfügung, so bauen sie vor allem Mais und schwarze Bohnen sowie etwas Gemüse zur Selbstversorgung an. Traditionell weben Frauen auf den einfachen, schmalen Hüftwebstühlen, während die grösseren Pedalwebstühle den Männer vorbehalten sind. Bei Aj Quen hat eine regelrechte kulturelle Revolution eingesetzt: dank spezifischer Ausbildungen und der Förderung des Selbstbewusstseins sind zusehends mehr Frauen bereit, auch den Pedalwebstuhl zu benutzen.
Die Gruppen sind je nach Herkunftsort auf unterschiedliche Handfertigkeiten sowie auf bestimmte Farben, Muster, Webformen spezialisiert. Aj Quen unter-stützt und koordiniert die einzelnen Verarbeitungsschritte, so dass der Mehrwert des Fertigproduktes jeder der beteiligten Gruppen zunutze kommt. 10-20% der Erlöse fliessen in eine Gemeinschaftskasse, über die Verwendung der Gelder bestimmen die Gruppenmitglieder gemeinsam.
claro bezieht zur Zeit mehrere Produkte von Aj Quen, darunter die beliebten „Sorgenpüppchen im Beutel”, an deren Herstellung drei Gruppen aus der Gegend von Sololá beteiligt sind. Die Püppchen stammen aus der Gruppe Saker Nan, die 1984 im Weiler „Caserio Los Yaxones” von mehreren Kriegswitwen gegründet wurde und heute etwa 40 Frauen vereint; ihr Name heisst in der Sprache der einheimischen Bevölkerung „Guten Tag, Frau Mutter”. Der farbenprächtige Stoff der Beutel wird von den 14 Mitgliedern der Frauengruppe La Fé im gleichnamigen Dorf hergestellt. La Fé ist ebenfalls 1984 auf Initiative von zwei Witwen entstanden. Die 12 Mitglieder der dritten Gruppe, El Encanto, die 1983 im gleichnamigen Dorf gegründet wurde und sich auf Näharbeiten spezialisiert hat, schneidern und nähen den Stoff zum Fertigbeutel. Für den Transport so-wie die Verpackung und den Export des Fertigproduktes sorgt Aj Quen.

Die Aufträge, die Aj Quen dank der Bestellungen verschiedener europäischer Fair-Handelsorganisationen den Gruppen erteilen kann, ermöglichen den Frauen, weitgehend für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen. Ebenso wichtig sind die Verbesserungen, die Aj Quen im Bildungs- und Gesundheitsbereich ausgelöst hat. Indigene Frauen können meist weder schreiben noch lesen und sprechen einzig eine der 23 Maya-Sprachen.
Dank Aj Quen verfügen heute viele von ihnen über allgemeine Grundkenntnisse und sind in der Lage Spanisch zu sprechen sowie ihre Rechte wahrzunehmen und für sie einzutreten!


Saker Nan
Ofelia Sactic ist wie die meisten Frauen der Gruppe Saker Nan ledige Mutter und muss hart arbeiten, um sich und ihre zwei Kinder durchzubringen. Sie ist erst seit kurzem Mitglied bei Saker Nan. hat sich aber bereits auf die Herstellung von Sorgenpüppchen und gehäkelten Um hängetäschchen spezialisiert. Sie ist froh, von Saker Nan Aufträge zu erhalten, denn da sie kaum zur Schule gegangen ist und nur die einheimische Maya- Sprache Cakchiquel kennt. hat sie kaum Chancen. einen Arbeitsplatz zu finden, es sei denn. wenn sie ihr Dorf in der Nähe von Sololá verlassen und sich in einem "Maquila"-Textilbetrieb zu miserablen Bedingungen verdingen wurde.


Das Geheimnis der Sorgenpüppchen
Seit altersher, heisst es, werde bei den Maya's den Kindern erzählt, sie nächsten Morgen sei alles in Ordnung... Dementsprechend heissen die Püppchen in Guatemala „Sorgen-Befreier”.
Wie dem auch immer sei, ob wahre oder erfundene Legende – eines steht fest: nicht nur Kindern tut es gut, vor dem Schlafen kleinere und grössere Sorgen durch ein Ritual zu beschwichtigen!
Hergestellt werden die Püppchen aus einem dünnen Draht, der zuerst mit Papier, dann mit farbigem Baumwollgarn oder Stoff — meist Resten, die beim Weben anfallen — umwickelt wird. An-schliessend wird das papierene Kopfende mit Leim bestrichen und mit etwas Sand bestreut, so dass eine Art Haartracht entsteht. Zum Schluss wird das Gesicht mit einem feinen Pinsel aufgemalt. Diese Miniaturarbeit erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl, Geschick und Geduld!

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